Middle Classes on the Rise:
Concepts of the future among freedom, consumption, tradition and moral

Unser Forschungsprojekt folgte der Annahme, dass sowohl in Europa wie auch in Asien, und Lateinamerika bei großen gesellschaftlichen Umbrüchen das Bürgertum bzw. die ‚neuen Mittelschichten’ eine zentrale Rolle spielen. Von ihnen kamen die Zukunftsentwürfe, die als Leitfäden der großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen dienen. In Afrika spielen die Mittelschichten eine ambivalente Rolle in Umbruchssituationen. Zwar inspirieren sie die Ideen, die zu politischen und sozialen Umbrüchen führen, jedoch tragen die Mittelschichten nicht unbedingt zur Stabilisierung der Gesellschaft bei. Ganz im Gegenteil der Vorannahme können afrikanischen Mittelschichten sogar konservative Kräfte sein, die sozialen Wandel blockieren. Daraus ergibt sich die Frage, in welchem sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kontext Mittelschichten in Afrika agieren? Ist der (europäisch geprägte) Begriff der Mittelschicht auf afrikanische Mittelschichten anwendbar? Welche Eigenschaften prägen die afrikanische Mittelschicht? Wie können wir diese Eigenschaften empirisch erforschen und sie auf theoretischer Ebene zur genaueren Bestimmung des Begriffs Mittelschicht(en) in die wissenschaftliche Debatte einbringen?

Kenia ist ein besonders geeigneter Untersuchungsort. Schon in den 1950er Jahren entstand eine nennenswerte Mittelschicht, die seither an Bedeutung und an Größe gewonnen hat. Das ethnologische Teilprojekt erforscht in Kenia die Beschreibung der urbanen Mittelschicht in Nairobi und Kisumu mit biographischen Methoden, teilnehmender Beobachtung und Interviews. Zwei Schwerpunkte wurden in den letzten drei Jahren Forschung an der Academy entwickelt: Zum einen beschäftigt sich Lena Kroeker mit der sozialen Absicherung des Lebens in der Mittelschicht (Habilitationsprojekt). Zum zweiten erforscht Maike Voigt Unternehmer als Teil der Mittelschicht (Promotionsprojekt). Als Vergleichskontext arbeitet Erdmute Alber in Benin und beschäftigt sich mit der sozialen Heterogenität von Haushalten.

Das soziologische Teilprojekt erarbeitet die Beschreibung der kenianischen Mittelschicht(en) in Nairobi und Mombasa. Aufbauend auf soziologischen Ansätzen zur Erfassung von Milieus beschreiben Dieter Neubert und Florian Stoll Mittelschichtsmilieus. In Publikationen wurden bereits folgende Milieus vorgestellt: das Neo-Traditionale Milieu, das christlich-religiöse Milieu, die Young Professionals, das Milieu der Social Climbers, das liberal-kosmopolitisches Milieu und ein apolitisches pragmatisches Milieu (Neubert und Stoll, 2015; Neubert 2016). Florian Stoll verbindet in seiner Habilitation diese Ansätze mit denen der amerikanischen Kultursoziologie.

Überbaut werden die individuellen Forschungsprojekte von der Fragestellung nach der individuellen, familiären, ethnischen oder gesamtgesellschaftlichen Zukunft. Ideen, die in der Zukunft ihre Wirkung entfalten sollen, müssen in der Gegenwart vorbereitet werden. Die Mittelschicht(en) formulieren Entwürfe einer wünschenswerten oder auch abzulehnenden Zukunft in verschiedenen Ausdrucksformen: künstlerisch, medial, im persönlichen Gespräch, im gebauten Raum, als materieller Ausdruck, in Form von Normen und Werten, in Rückbezug auf gemachte, vergangene Erfahrungen oder mit Referenz zu vergleichbaren Entwicklungen anderswo. Methodologisch nimmt das Teilprojekt diese Fäden auf, um die Zukunftsentwürfe der Mittelschicht(en) in Kenia zu erforschen.